Global Perspectives | Bericht | 25. Juni 2018

UNHCR Flüchtlingsbericht zeigt Ausmaß der Missverständnisse über Flüchtlingskrise

von Nadine Bütow

Der aktuelle Flüchtlingsbericht der Vereinten Nationen schafft Klarheit über Fakten, die häufig verkannt werden. Er bestätigt die Ergebnisse des Aurora Humanitarian Index und zeigt, wie wichtig ein neues Narrativ zum Thema Flüchtlingskrise und Migration ist.

Zum Weltflüchtlingstag am 20.6.2018 stellte das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR den jährlichen „Global Trends“-Bericht vor, demzufolge die Anzahl flüchtender Menschen vor Krieg, Gewalt und Verfolgung weltweit zum fünften Mal in Folge auf 68,5 Millionen im Jahr 2017 angestiegen ist. Ein neues Rekordniveau. Dabei berücksichtigt der Bericht keine Migranten, die aus ökonomischen Gründen ihr Ursprungsland verlassen haben. Mehr als die Hälfte der Geflüchteten sind minderjährig, unter ihnen häufig Kinder, die von ihren Eltern getrennt werden.

Arme Länder nehmen die meisten Flüchtlinge auf
Von den genannten 68,5 Millionen Menschen sind mehr als 40 Millionen sogenannte Binnenflüchtlinge, was drei von fünf Betroffenen entspricht. Die meisten Schutzsuchenden kamen aus Syrien, Afghanistan, dem Süd-Sudan, Myanmar und Somalia. Sie finden jedoch entgegen der geläufigen Annahme keine Zuflucht in reichen Ländern. Vielmehr tragen ärmere Länder die größte Bürde. Laut UNHCR-Chef Filippo Grandi leben 85 Prozent der Flüchtlinge in teils bitterarmen Ländern oder solchen mit niedrigen oder mittleren Einkommen. Das sind 9 von 10 Flüchtlingen. Gemessen in Zahlen hat die Türkei mit 3,5 Millionen Geflüchteten die meisten Menschen aufgenommen, gefolgt von Pakistan, Uganda und Libanon. Deutschland landet in der Liste auf Platz 6. Prozentual zur eigenen Bevölkerung haben Länder wie der Libanon, Jordanien und die Türkei ungleich mehr Flüchtlinge aus den Nachbarländern aufgenommen.

Flüchtlingskrise von falschen Vorstellungen dominiert
Bereits im Dezember 2017 haben Experten in den Aurora Dialogues Berlin eindrücklich gezeigt, wie dramatisch die Lage bereits ist. Mehr noch droht sie sich weiter zu verschärfen. Weltweit ziehen 700 Millionen Menschen Migration in Erwägung, um ihre persönliche Lebenssituation zu verbessern. Mary Robinson, die ehemalige Hochkommissarin für UN-Menschenrechte, brachte einen weiteren, oftmals vernachlässigten Aspekt in die Diskussion ein. Angesichts des Klimawandels und der Folgen würden bis 2050 mehr als 200 Millionen zusätzliche Flüchtlinge erwartet, sagte sie. Weitere Stimmen zur Flüchtlingskrise und Migration hatten wir in diesem sehenswerten Aurora-Trailer zusammengefasst.

Der Aurora Humanitarian Index 2018 (AHI), eine jährliche internationale Meinungsumfrage unter fast 11.000 Teilnehmern in 12 Ländern, machte das Ausmaß der Diskrepanz zwischen Wahrnehmung und Fakten ebenfalls deutlich. Die Ergebnisse zeigen, dass die Menschen eine falsche Einschätzung darüber treffen, welche Länder am meisten von den Flüchtlingsströmen betroffen sind. Sie glauben, dass die europäischen Industrieländer die meisten Flüchtlinge aufnehmen. In Deutschland waren dies 54 Prozent der Befragten.

Die Tatsache, dass der Großteil der Vertriebenen von benachbarten Entwicklungsländern aufgenommen wird, ist 97 Prozent der Befragten entweder unbekannt oder wird unterschätzt. Geschürt wird diese Haltung noch von der weltweit gestiegenen Kriegsangst. Drohende Kriege stellen für 52 Prozent der Befragten die dringendste globale humanitäre Herausforderung für die Menschheit dar. Im Jahr 2017 waren dies noch 41 Prozent. Die damit verbundenen Existenzängste der Menschen verstärken falsche Wahrnehmungen und verzerren die Einschätzung der Flüchtlingskrise bei vielen Befragten zusätzlich. Grundsätzlich fühlen sich die Menschen in vielen Ländern durch die Vielzahl der Krisen und Konflikte überfordert. 61 Prozent der Befragten gaben an, dass es ihnen bei der Anzahl weltweiter humanitärer Krisen unmöglich erscheint, mit deren Bewältigung Schritt zu halten.

Die Befragten wissen zudem nicht, wie viele Kinder auf der Flucht sind. Sie unterschätzen ihre Zahl deutlich. Tatsächlich liegt dieser Prozentsatz bei über 50 – und damit fast doppelt so hoch wie die von den Befragten geschätzten 30 Prozent.

Zur Wahrnehmung der Deutschen über Entwicklungspolitik und Afrika haben wir im November 2017 bereits eine GPI-Studie vorgestellt, die in Zusammenarbeit mit dem Allensbach-Institut entstand. In diesem Kurzinterview fasst Dr. Ingrid Hamm die Ergebnisse, als auch jene des AHI-Index zusammen.

Der Aurora Index, wie der Global Trends-Bericht und weitere internationale Studien, zeigen, wie stark Fakten und Wahrnehmungen voneinander abweichen. Wir müssen den Fakten dringend mehr Gehör verschaffen, um den Diskurs um die Flüchtlingskrise auch auf einer faktischen Basis zu führen.

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