Global Perspectives | Bericht | 14. November 2018

Globale Gesundheit

Moralische Verpflichtung muss über ökonomische Notwendigkeit hinaus gehen

Im Oktober 2018 stand Berlin im Zentrum der internationalen Gesundheitspolitik. Als Austragungsort des World Health Summit und den Grand Challenges Annual Meetings der Bill & Melinda Gates Stiftung nimmt die Hauptstadt immer mehr eine internationale Führungsrolle beim Thema Global Health ein. Sie kommt damit einem Engagement nach, das auch internationale Entscheidungsträger aus Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft befürworten.

Die Global Perspectives Initiative hat sich vor diesem Hintergrund mit internationalen Akteuren getroffen und über die Rolle Deutschlands beim Thema „Globale Gesundheit“ diskutiert. So entstand im Rahmen der 68. Lindauer Nobelpreisträgertagungen ein 5-Eckpunkte-Papier, zu deren Protagonisten die Nobelpreisträger Prof. Peter Agre und Prof. Aaron Ciechanover zählen. Mit Unterstützung des Bundestagsabgeordneten und Mitglied des Unterausschusses für Globale Gesundheit, Dr. Georg Kippels, haben wir diese Aspekte in einem parlamentarischen Abend in Berlin weiter vertieft. Unter den Teilnehmern waren Prof. Jeremy Farrar, Prof. Peter Agre und Prof. Stefan H.E. Kaufmann. Die Ergebnisse und internationalen Stimmen sind nachfolgend zusammengefasst.

Ein gesunder Dreiklang
„Alle Herausforderungen globaler Gesundheit können gelöst werden, wenn wir Wissenschaft, Innovation und Gesellschaft zusammenbringen“, ist Prof. Jeremy Farrar, Direktor des Wellcome Trust, überzeugt und machte erneut deutlich, dass es kein Dienst an Entwicklungsländern ist, sondern jener für die internationale Gemeinschaft. „Wir profitieren alle von den Bemühungen, die Gesundheitssituation weltweit zu verbessern“, sagte er. Nobelpreisträger Prof. Peter Agre pflichtete ihm bei und betonte: „Es geht um uns. Das Gesamtkonzept von globaler Gesundheit kommt jedem Einzelnen zu Gute.“ Entscheidend sei die Anerkennung der zunehmenden Konvergenz in der Wissenschaft aber auch, wie Volkswirtschaften heute funktionieren und agieren. Hier sieht Prof. Agre enorme Potenziale in der weiteren Führungsrolle Deutschlands. Das Land müsse sein Stärkenprofil intensiver nutzen, den Austausch und die Zusammenarbeit zwischen den Disziplinen der einzelnen Industrie- und Wirtschaftszweige verbessern. Die Strukturen seien hier bereits enorm entwickelt. Dieses Wissen könne bei der Entwicklung globaler Gesundheitskonzepte dienlich sein.

Prof. Ilona Kickbusch ergänzte, dass es beim Thema globale Gesundheit um einen Wissenstransfer im Aufbau nachhaltiger und bezahlbarer Gesundheitssysteme ginge. Wie wichtig dieser Aspekt sei, hätte schon die Bill & Melinda Gates Stiftung gezeigt. Sie hätte ihren inhaltlichen Fokus auf die Entwicklung von Gesundheitssystemen und den Zugang zu medizinischer Grundversorgung gelenkt. Deutschlands Wissen sei hier absolut entscheidend.

Die Arbeit an der Basis bleibt wichtig
Eine große Herausforderung sehen die Diskutanten auch in der Priorisierung der Einsatzgebiete von globaler Gesundheit und einzelner Maßnahmen. Welche Ansätze funktionieren und sind von Vorteil, welche nicht? Hier spielt die Forderung nach einer umfassenden Arbeit an der Basis und am Menschen in den einzelnen Ländern eine Rolle. Das ist nicht nur wichtig, um Vertrauen aufzubauen. Es ist entscheidend, um die Methoden und Strukturen an den lokalen Bedürfnissen auszurichten. Edith Phalane, PhD-Anwärterin der North-West University, sagte hierzu: „Manchmal denken wir zu sehr als Innovatoren. Aber wir dürfen die Basis nicht vernachlässigen und müssen verstehen, was die Bevölkerung wirklich braucht.“ Sie sieht einen wichtigen Schlüssel im Aufbau von Kapazitäten und gezielter Bildung vor Ort: „Wenn wir Afrika richtig ausstatten wollen, müssen wir das sprichwörtlich tun.“ Bei der Priorisierung spielt die holistische Betrachtung als Gegenentwurf zur Komplexität in der Wissenschaft ebenfalls eine Rolle, meint Prof. Stefan H.E. Kaufmann, Direktor der Abteilung „Immunologie“ beim Max-Planck-Institut für Infektionsbiologie. „Wir müssen darauf achten, dass wir die eine Sache nicht über eine andere bevorzugen. Komplexität muss mitgedacht werden.“ Durch ganzheitliche wissenschaftliche Ansätze würde das möglich, schlussfolgerte er. Prof. Ilona Kickbusch bemängelte den Anteil an sozialwissenschaftlicher Forschung beim Thema Global Health und spricht sich für eine stärkere Involvierung von Anthropologen aus. „Wir müssen die Motivationen der Menschen verstehen, ihre Ängste kennen lernen. Dazu zählt beispielsweise auch, warum einige Menschen nicht mehr geimpft werden möchten.“

Neue Anreizsysteme für europäische Geschäftsmodelle
Investitionen und zukünftige Geschäftsmodelle zur Lösung von globalen Gesundheitsfragen nahmen in der Diskussion viel Raum ein. Der Deutsche Welle Journalist Nils Zimmermann merkte an, dass es vor allem finanzielle, logistische und organisatorische Herausforderungen seien, die die Umsetzung neuer Ideen behindern würden. Zudem sei die europäische Venture Capital Szene risikoavers – anders, als es beispielsweise in den USA oder China sei. Brauche Europa also einen öffentlichen Venture Capital Fonds, um neue Geschäftsmodelle für globale Gesundheitsfragen entstehen zu lassen? Prof. Jeremy Farrar kommentierte, dass langfristige Investitionen ein reales Problem in Europa darstellen würden. Venture Capital greife zu kurzfristig und sei auf Exit-Strategien nach drei Jahren ausgelegt. Europa hätte es in den vergangenen 30 Jahren versäumt, neue Geschäftsmodelle langfristig aufzubauen. Prof. Farrar plädiert dafür, die Anreizsysteme für den Aufbau von Geschäftsmodellen in Europa zu verändern, auch um Verkäufen von Unternehmen in die USA vorzubeugen. Dies hätte nicht nur wirtschaftliche Vorteile für Europa selbst, sondern würde darüber hinaus eine stärkere Zugkraft für globale Gesundheitsinitiativen aus Europa heraus entwickeln.

Die Innovationskultur im Gesundheitsmarkt wird laut Ansicht der Teilnehmer monopolistisch von Blogbustern dominiert – also jenen Medikamenten, die für den Massenmarkt kreiert werden und somit die meisten Erträge einbringen. „Wenn wir die Risiken um das Investitionskapital bei der Entwicklung von Medikamenten reduzieren, rangiert die Rendite zwischen drei und fünf Prozent. Das bedeutet zugleich auch eine Abkehr von den bisherigen 20 Prozent Gewinn, aber auch der null Prozent für alle anderen Entwicklungen“, analysiert Prof. Jeremy Farrar. In Deutschland gäbe es nach Ansicht der Teilnehmer jedoch einen echten Appetit für Innovationen in Bereichen, die bislang vernachlässigt wurden. Das Problem sei nicht neu. Neue Inzentivierungsstrukturen könnten für die nötige Veränderung sorgen. Prof. Peter Agre hielt fest: „Deutschland hebt sich besonders durch Investitionen in „große Dinge“ hervor. Was jedoch geschieht mit Entdeckungen, die in kleineren Forschungsprojekten entstehen?“ Bei aller ökonomischer Motivation mahnt Prof. Gérard Krause, Abteilungsleiter Epidemiologie beim Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung, dass sie die moralische Verpflichtung nicht überdecken darf. „Was, wenn die wirtschaftliche Motivation nicht mehr hoch genug ist“, fragte er.

Ohne die Politik geht es nicht
Trotz der bedeutenden Rolle der Privatwirtschaft und dem Bedarf an neuen Innovationskulturen und einer höheren Risikoaffinität – ohne das aktive Mitwirken der Politik würden globale Gesundheitsinitiativen nur halbherzig beantwortet. Prof. Jeremy Farrar kommentierte: „Der öffentliche Sektor darf die Verantwortung nicht zu stark an die privaten Initiativen auslagern. In den vergangenen 40 Jahren hat der private Sektor vornehmlich an den Wirtschaftssektor ausgelagert. Hier muss der öffentliche Arm wieder stärker hineinwachsen. Er muss Effizienz fördern, aber auch Zugang ermöglichen und Bezahlbarkeit gewährleisten.“

Ein Instrument in der deutschen Bundespolitik ist der Unterausschuss Globale Gesundheit, dem Dr. Georg Kippels als Mitglied angehört. Dr. Kippels sagte im Interview, dass ihm eine wichtige moderierende Rolle zukäme. Eine Herausforderung hin zu höherer politischer Flexibilität sei es, über die Ressortgrenzen, die historisch gewachsen seien, hinwegzukommen und Schnittmengen herausarbeiten. Er erinnerte auch daran, dass wir den Begriff „Globale Gesundheit“ in seiner Definition breiter denken müssen – auch in der Öffentlichkeit. Es ginge eben bei Weitem um mehr als Gesundheitsversorgung. Bildung, Ernährung und viele anderen Themen gehörten dazu. Gesundheit steckt in allem.

Der politische Wille sei entscheidend für den Erfolg in globaler Gesundheit, kommentierte Prof. Ilona Kickbusch. Es gäbe hohe Investitionsströme, doch wir setzten sie nicht gut genug ein. Oft auch, weil wir unterschätzten, wie komplex menschliches Leben sei.

Deutschland hat seine Führungsrolle beim Thema globale Gesundheit angenommen. Nun gilt es, Potenziale zu nutzen, Stärken auszubauen, Weichen zu stellen. Wir enden diesen Beitrag mit einem weiteren Zitat von Prof. Jeremy Farrar und knüpfen an seine einleitenden Worte an: „Wenn wir diese drei Dinge (Wissenschaft, Innovation und Gesellschaft) nicht zusammenführen, dann wird jedes für sich darin scheitern, globale Gesundheit erfolgreich zu adressieren.“

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Authors:

  • Nadine Bütow, Öffentlichkeitsarbeit Global Perspectives Initiative

Contact Person:
Theresa Hübscher, Projektmanagement
t.huebscher@globalperspectives.org

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Pressemitteilung

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