Global Perspectives | Bericht | 22. September 2020

Prof. Wolfgang Huber: Aurora Dialogues „The Power of Humanity“

zur dringenden Notwendigkeit der Humanität und Solidarität in Moria

Professor Dr. Wolfgang Huber ist einer der profiliertesten Theologen Deutschlands und betätigt sich als Vordenker in ethischen Fragen. Prof. Huber war von 1994 bis 2009 Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg, und von 2003 bis 2009 repräsentierte er als Ratsvorsitzender die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD). 

Über die dringende Notwendigkeit der Humanität und Solidarität sowie ihr Potenzial, die großen Herausforderungen unserer heutigen Welt erfolgreich zu bewältigen, sprachen wir mit Mirza Dinnayi und Prof. Dr. Wolfgang Huber bei den diesjährigen Aurora Dialogues. Prof. Huber befasst sich seit Jahrzehnten mit den Ursachen für Genozide und geht intensiv der Frage nach, warum Religion immer wieder zur Legitimation von Verfolgung und Völkermord missbraucht wird.

Aurora Dialogues "The Power of Humanity" - Prof. Wolfgang Huber

Die Zuwanderung von Asylsuchenden stand im Jahr 2015 in zahlreichen EU-Mitgliedstaaten im Zentrum der medialen und politischen Aufmerksamkeit. Auch nach einer Zeit in der mal wieder behauptet worden war, „das Boot sei voll und mehr gehe überhaupt nicht mehr“ zeigte eine Veröffentlichung des Landkreistages in Deutschland im Jahr 2016, wie viel Puffer und ungenutzte Aufnahmekapazität in den deutschen Landkreisen flächendeckend noch vorhanden war. „Wir neigen in Deutschland dazu, die Grenzen schon definieren zu wollen, bevor wir überhaupt ausprobiert haben, was uns alles möglich ist“, so Prof. Huber.

Ein Gefühl der Überforderung entstand 2015 vor allem dadurch, dass wir kein Instrument entwickelt haben, das es den Menschen ermöglicht hat, dorthin zu kommen, wo es Lebens-, Unterkunfts- und Arbeitsmöglichkeiten gab. Stattdessen wurde zugesehen, wie Ballungszentren entstanden. Prof. Huber fordert weitsichtiges politisches Handeln sowie die Stärkung der Bereitschaft der Menschen, an ihrem Ort etwas beizutragen.

Deutschland könne die Probleme jedoch nicht alleine lösen. „Probleme, die auf Europa im Zusammenhang der Migrationskrise zukommen, kann man nur europäisch gemeinsam lösen und dass wir hier so hinterherhinken ist ein höchst riskanter Zustand“, mahnt Prof. Huber.

Als Reaktion auf die Brände auf Lesbos und Samos fordert der ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland eine „ganz schnelle Vereinbarung darüber, wer wie viele Menschen aufnimmt“. Im besten Fall hätte es sofort nach den Bränden eine Schaltkonferenz der europäischen PremierministerInnen und KanzlerInnen gegeben, in der man sich darauf verständigt hätte, die Betroffenen dieser humanitären Katastrophe – nach dem man ihr schon so lange zugeschaut hat – aufzunehmen, so Prof. Huber.
Jetzt müsse ein europäischer Mechanismus entwickelt werden – für humanitäre Katastrophen und die Art und Weise, wie wir abgestimmt und fair reagieren können.

Im Bezug auf das abgebrannte Flüchtlingscamp Moria sollte Deutschland nicht akzeptieren, dass unsere europäischen Nachbarn schlicht wegschauen, sondern trotzdem die Aufnahme, die uns möglich ist, vollziehen. „Es kann nicht sein, dass die Uneinigkeit der europäischen Staaten auf dem Rücken der Betroffenen ausgetragen wird“.

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