Global Perspectives | Bericht | 18. August 2021

Michael Keating: „If humanitarian assistance should end because of the Taliban’s policies, it is likely to increase the humanitarian problem.“

GP Interview über den Zusammenbruch Afghanistans und die geopolitischen Folgen für die Zukunft

Michael Keating ist Exekutivdirektor des Europäischen Friedensinstituts (EIP), einer unabhängigen Einrichtung, die mit der Europäischen Union und europäischen Staaten zusammenarbeitet, um effektivere Ansätze zur Konfliktprävention, -lösung und -vermittlung zu fördern und praktische Unterstützung zu leisten. Bis September 2018 war er der Sonderbeauftragte des Generalsekretärs (SRSG) und Leiter der Hilfsmission der Vereinten Nationen in Somalia. Von 2008 – 10 war er Exekutivdirektor des Africa Progress Panel, einer politischen Gruppe unter dem Vorsitz von Kofi Annan. Außerdem ist er ehemaliger stellvertretender UN-Sonderbeauftragter für Afghanistan.

Im Gespräch mit GPI erläutert Michael Keating, wie die Taliban das afghanische Militär so schnell und ohne großen Widerstand überrennen konnten und welche Konsequenzen die Weltgemeinschaft für die Zukunft ziehen sollte.

Auf die Frage, wie er die derzeitige Lage in Afghanistan einschätzt, erklärt Michael Keating die fehlende Moral der afghanischen Truppen als kurzfristigen Grund für das hohe Tempo des Zusammenbruchs in Afghanistan. Der groß angekündigte und schnelle Abzug der US- und NATO-Truppen hat die afghanischen Streitkräfte tief getroffen. Außerdem waren die Taliban bereits im ganzen Land präsent, so dass es keine großen Truppenbewegungen gab.

Als entscheidende Fehler der Weltgemeinschaft bei ihrem Engagement, die zur Machtübernahme durch die Taliban führten, sieht Michael Keating das „Versäumnis, die Bedürfnisse, einschließlich der Sicherheitsbedenken der Menschen, in den Vordergrund zu stellen“ und das „Versäumnis zu verstehen, wie traditionelle Regierungsführung funktioniert, die Geschichte des Landes, die Bedeutung verschiedener Formen der Identität beim Aufbau von Institutionen“.

Auf die Frage, was jetzt zu tun ist, nennt Michael Keating drei wichtige Schritte, um die Situation zu deeskalieren:

  1. Diejenigen schützen, die am meisten gefährdet sind, und ihnen sicheres Geleit bieten.“
  2. „Den Zugang für humanitäre Hilfe erleichtern und humanitäre Unterstützung verstärken.“
  3. „Prüfen, auf welcher Grundlage Dienstleistungen wie Strom, Wasser und Polizeiarbeit aufrechterhalten werden können.“

Eine Einstellung der Entwicklungshilfe für Afghanistan aufgrund der Politik der Taliban würde das humanitäre Problem verschärfen und zu verstärkten Migrationsbewegungen von Menschen führen. Darüber hinaus ist es jetzt äußerst wichtig, andere Dschihadistengruppen im Nahen Osten, am Horn von Afrika und in der Sahelzone genau zu beobachten und dafür zu sorgen, dass sie nicht dem Weg der Taliban folgen und versuchen, die Erreichung ihrer politischen Ziele von politischen Verhandlungen auf militärische Aktivitäten zu verlagern.

Michael Keating fordert daher ein „wesentlich energischeres Vorgehen des UN-Sicherheitsrats, an dem es bisher auffällig mangelt“, mehr internationale Kohärenz bei der Bewältigung dieses Problems und die Befreiung Afghanistans von den Rivalitäten der Großmächte.

Michael Keating’s Fazit lautet: „Um Ergebnisse zu erzielen, muss die internationale Gemeinschaft die Menschen in den Mittelpunkt der Bemühungen stellen, um einen nachhaltigen Frieden zu erreichen.“

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