Global Perspectives | Bericht | 22. Dezember 2021

Dr. Noubar Afeyan: „Wir können nicht warten, bis der Sturm vorbei ist und dann weitermachen, wie gehabt.“

GP Podcast über den Kampf mit Impfstoffen gegen die Corona-Pandemie und die Revolution unseres Gesundheitssystems

Dr. Noubar Afeyan ist Unternehmer, Erfinder und Philanthrop. Als Mitgründer des Biotechnologieunternehmens Moderna und als Gründer und CEO von Flagship Pioneering hat er entscheidend zur Entwicklung des Coronavirus-Impfstoffes beigetragen und revolutioniert mit seinen Unternehmungen unser Verständnis von Gesundheitsversorgung. Als Mitgründer der Aurora Humanitarian Initiative vergibt er alljährlich den Aurora Prize, den Nobelpreis für Humanität.

 

 

Elhadj As Sy ist Experte für humanitäre Hilfe, Vorstandsvorsitzender der Kofi Annan Foundation, ehemaliger UNICEF-Direktor für Partnerschaften und Ressourcenentwicklung und ehemaliger Generalsekretär der Internationalen Rotkreuz- und Rothalbmond-Bewegung.

 

 

 

 

Aufnahme des Podcasts

In der dritten Folge der neuen Staffel von The Africa Roundtable – Der Podcast sprechen wir über die technische Meisterleistung hinter den COVID-19-Impfstoffen, die Selbstverpflichtung Modernas, Patente der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, pharmazeutische Produktion in Afrika, die Vision eines neuen, präventiven Verständnisses von Gesundheitsversorgung, Herausforderungen der Gesundheitsversorgung in afrikanischen Ländern und Forderungen an die neue deutsche Regierung.


Lesen Sie die vollständige Übersetzung des Podcasts hier:

GPI: Impfung als Prävention, Schutz gegen Krankheiten, bevor sie ausbrechen, Impfen in Afrika als Schutzschild für die Welt. Und wie sieht es mit der Gesundheitsvorsorge in Afrika aus? Und was hat das mit Europa zu tun? Darüber sprechen wir heute mit unseren Gästen: Dr. Nobert Afeyan, er ist Gründer und CEO von Flagschiff Partnering, einem Unternehmen, das Life Science Plattformen konzipiert, aufbaut, finanziert und entwickelt, um Gesundheit und Nachhaltigkeit zu transformieren. Besser bekannt ist das Unternehmen unter dem Markennamen seines Impfstoffs Moderna und im Anschluss sprechen wir mit Elhadj As Sy, Chair of Board der Kofi Annan Stiftung. As Sy war von 2014 bis 2019 Generalsekretär der Internationalen Föderation der Rotkreuz und Rot Halbmonds Gesellschaften. Gesundheit – unser Thema heute. Willkommen beim The Africa Roundtable, sagt Danilo Höpfner. Noubar Afeyan, von Flagship Pioneering, lassen Sie uns zunächst über eine einfache Idee sprechen: Impfen Bevor Krankheiten sich entwickeln, brauchen wir einen Wandel im Verständnis von Gesundheit, weg von der Heilung hin zur Vorsorge?

Afeyan: Die Frage ist, wie schützen und bewahren wir unsere Gesundheit, anstatt auf Krankheiten zu warten und dann zu versuchen, Krankheiten zu bekämpfen? Das klingt logisch, aber wenn Sie sich die heutige Realität der Gesundheitsversorgung in der Medizin ansehen, dann geht es hauptsächlich darum, eingetretene Probleme zu beheben, anstatt sie zu verzögern oder zu verhindern. Mit der Ausnahme von Impfstoffen gegen Infektionskrankheiten gibt es im Wesentlichen keine andere Möglichkeit dazu. Das geht nicht bei Diabetes, nicht bei Krebs, Alzheimer oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Und dennoch bin ich davon überzeugt, dass es Möglichkeiten gibt, hier neue Wege zu gehen. Was derzeit nicht existiert, ist entweder die gesellschaftliche Nachfrage danach, die Regierung, die es finanzieren will, und die Regulierungsbehörden, die solche Eingriffe erlauben. Ich denke, das kommt daher, dass die Menschen lange geglaubt haben, dass die Zeit für Intervention erst dann ist, wenn die Krankheit ausgebrochen ist. Schlimmer noch, je kranker die Menschen sind, desto wohler fühlen sie sich beim Ausprobieren von verschiedenen Medikamenten und Eingriffen. Doch das ist unlogisch, denn je kranker sie sind, desto schwieriger ist es, die Krankheit tatsächlich zu bekämpfen. Das ist aber aktuell die Realität. Und wir sind nicht nur anfällig für Infektionskrankheiten, sondern auch für Wechselwirkungen zwischen Gesundheits- oder Krankheitszustand und einer solchen Infektion. Egal ob Sie übergewichtig sind, Bluthochdruck oder Diabetes haben. Wir zahlen am Ende einen hohen Preis, wenn wir uns nur mit der Behandlung von Krankheiten beschäftigen, anstatt mit einer kostenlosen Prävention der Bekämpfung der Krankheit, bevor sie eintritt.

GPI: Ich kann mir vorstellen, dass das für viele Menschen eine gewisse Umstellung wäre, egal ob in Afrika oder in Europa. Eine völlig neue Art, Krankheiten zu bekämpfen, vielleicht auch verbunden mit gewisse Skepsis der Menschen. Nicht warten, bis Menschen krank werden, sondern präventiv impfen würde, dass nicht Generationen dauern, um hier die Leute auch mitzunehmen.

Afeyan: Pandemien sind eine ziemlich gute Zeit, um Menschen zu überzeugen. Denn was wir in den vergangenen zwei Jahren gerade durchgemacht haben und weiterhin durchmachen, ist eine Art Massenvernichtung, wenn ich das mal so sagen darf. Manche vergleichen das mit einem Krieg, aber es gibt in unserer Geschichte nur wenige Kriege, die so viele Opfer hatten. Weder nach einem Krieg noch nach einer solchen Pandemie kann man danach zum normalen Geschäftsbetrieb zurückkehren. Es muss Veränderungen geben. Aber ich will noch einmal klarstellen, dass der Begriff Impfstoff zum einen natürlich wörtlich genommen werden kann: Ein Schuss in den Oberarm. Aber man könnte diesen Begriff hier auch metaphorisch betrachten, was bedeutet, dass man eingreifen kann, um die Krankheit zu verzögern oder gleich präventiv abzuschrecken. Das muss auch nicht immer mit einer Spritze verbunden sein. Das müssen wir nach dieser Pandemie auf dem Schirm haben. Wir zählen aktuell offiziell 5,3 Millionen Corona Tote und das ist in jeder Hinsicht eine erhebliche Untertreibung. Es sind vielmehr. Die Schätzungen liegen bei weltweit 15 bis 20 Millionen, die höchstwahrscheinlich direkt oder indirekt auf Covid zurückzuführen sind. Nach fünfeinhalb oder 20 Millionen Tote, auf welche Zahl man sich da auch immer bezieht, kann man nicht einfach warten, bis der Schneesturm vorbei ist, um dann weiterzumachen wie gehabt. Das wäre eine sehr, sehr enttäuschende und respektlose Haltung gegenüber den Millionen von Menschen, die ihr Leben verloren haben. Das hätte verhindert werden können.

GPI: Lassen Sie mich die Frage stellen, wie man die Welt angesichts der aktuellen Entwicklung und der Rolle des globalen Südens impfen kann und wie sich Moderna an dieser großen, doch wichtigen Aufgabe beteiligt.

Afeyan: Nun, wenn wir jetzt über Impfstoffe gegen Infektionskrankheiten und insbesondere Covid-19 sprechen, gibt es ein ganzes Kontinuum. Es reicht von der Forschung, die zur Entwicklung eines neuen Impfstoffs führt, bis hin zur klinischen Prüfung dieses Impfstoffs, was in unserem Fall sowohl in den USA als auch anderswo durchgeführt wird. Wichtig ist die Produktion des Impfstoffs, zunächst in kleinen Mengen und später in großen Mengen, und dann die Verteilung des Impfstoffs bis in die Arme der Menschen. Unser Ziel war es, den wirksamsten Impfstoff herzustellen, der die längst mögliche Wirkung hat und dabei so sicher wie möglich ist, um die maximale Anzahl von Menschen zu diesem Zweck erreichen zu können. Es gibt in diesem Prozess viel mehr als nur die Hersteller. Es besteht eine große Abhängigkeit von den Regierungen, sowohl in den Erzeugerländern als auch in den Empfängerländern. Und all diese Aktivitäten müssen koordiniert werden. Und schließlich die Skalierung, weil sie in der Lage sein muss, große Mengen zu produzieren. Wie also hat sich Moderna in diesem Zusammenhang entwickelt? Zuallererst haben wir unsere Produktion im Wesentlichen von Null hoch skaliert. Moderna hatte bis vor einem Jahr gar kein kommerziell hergestelltes Produkt. Das Jahr 2021 beenden wir nun mit über 800 Millionen produzierten Dosen in einem Jahr und nächstes Jahr erwarten wir zwei bis drei Milliarden Dosen. Ich darf schon sagen, das war wirklich eine technische Meisterleistung, die Produktion auf hunderte Millionen Dosen hochzufahren. Es gab vorher keinen Impfstoff, der in solchen Größenordnungen hergestellt wurde. Die größte Verbreitung von Impfstoffen gibt es für die saisonale Influenza, und das waren nach verschiedenen Schätzungen etwa eine halbe Milliarde Dosen. Sie sehen also einen beispiellosen Prozess nicht nur von uns, sondern auch von anderen. Im Oktober 2020, also noch bevor wir Daten hatten, die belegen, dass unser Impfstoff tatsächlich sehr wirksam ist, haben wir einseitig zugesagt, dass wir unser geistiges Eigentum jedem zur Verfügung stellen, der unseren Notschutz Patente für geistiges Eigentum nutzen möchte. Es gibt andere Impfstoffe, die entwickelt wurden und werden und wir haben diesen Schritt unternommen, um deutlich zu machen, dass wir während der Pandemie unser geistiges Eigentum nicht durchsetzen würden. Und wir taten es, weil wir erkannten, dass wir allein nie genug Vorräte produzieren können, um die Welt zu befriedigen, aber wir waren froh, dass andere eingreifen und dies tun. Ein paar andere Punkte haben wir weiter ausgebaut. Wir haben in Europa und der Schweiz Partnerschaften geschlossen, die es uns ermöglicht haben, die Produktion zu erhöhen. Wir haben vor ein paar Monaten angekündigt, eine Anlage zu errichten, die viele Impfstoffe, nicht nur für Covid-19 herstellen, könnte. Diese würde in Afrika angesiedelt sein und wir sind dabei, den endgültigen Standort zu identifizieren und die Vorkehrungen dafür zu treffen. Das wird noch zwei bis drei Jahre dauern, bis alles steht. Aber es ist eine wichtige Maßnahme, um die Impfstoffsicherheit in Zukunft zu gewährleisten. Aber während wir aktuell noch an den Problemen der Gegenwart arbeiten. Und das Wichtigste ist, dass wir dabei mit der US-Regierung sowie europäischen Regierungen zusammengearbeitet haben, um die Umleitung der Impfstoff Lieferungen zu unterstützen, die sie bereits vorab gesichert und bezahlt hatten. Umleitungen in die Länder, die den Impfstoff am dringendsten benötigen, insbesondere auf dem afrikanischen Kontinent. Und ich freue mich sagen zu können, dass dies dazu geführt hat, dass 100 Millionen Dosen aus den USA und Europa umgeleitet wurden. Und ein Punkt noch, die entscheidende Frage ist: Wie kommen diese Dosen in die Oberarme? Den Versand großer Mengen anzukündigen ist das eine. Es ist eine andere Sache, das zu koordinieren, die Logistik und die Ausbildung, das Handling zu haben, um die Dosen dorthin zu bringen, wo sie gebraucht und auch akzeptiert werden. Das wird für uns im neuen Jahr die wohl größte Herausforderung werden. Wir wissen, Omikron ist auf dem Weg. Die Gefahr ist real. Die Frage ist, ob wir es schaffen, die produzierten Dosen in die Oberarme zu bekommen.

GPI: Noubar, in ihrer Karriere als Erfinder, Unternehmer und CEO haben sie ja über 50 Life Science und Technologie Startups mitbegründet und aufgebaut. Welche Potenziale sehen Sie für Start ups im Gesundheitssektor in Afrika, um die Gesundheitssysteme nachhaltig verbessern zu können? Und inwiefern ist das für Sie auch als Unternehmer interessant?

Afeyan: Der afrikanische Kontinent entwickelt sich. Es kommen neue Technologien zum Einsatz. Das Bildungssystem und das Gesundheitssystem machen Fortschritte, Spitzenforschung und Entwicklungen werden möglich. Und in diesem Zusammenhang gibt es mehrere Dinge, die dort getan werden können. Ein Schritt wäre die Konzentration der Forschung auf bestimmte Krankheiten, die besonders relevant sind. Es ist kein Zufall, dass diese neue Virusvariante zuerst durch die gute Forschung in Südafrika entdeckt wurde, weil sie die Fähigkeit hatten, mit den besten molekularen Mitteln darauf zu reagieren. Und davon müssen wir auf dem gesamten Kontinent noch viel mehr sehen. Wir sehen bereits Fortschritte in Ruanda. Es gibt Aktivitäten in Nigeria an anderen Orten, die gut und wichtig sind. Das muss vorangetrieben werden und ich denke, vieles davon kann durch eine Zusammenarbeit zwischen Regierungen erreicht werden, um zu versuchen, die Bildungskapazitäten zu erweitern. Die Bedingungen sind reif, dass sich die Biotechnologie wieder durchsetzt, die sich wahrscheinlich zunächst auf sehr relevante Krankheiten konzentriert. Übrigens müssen auch Kapazitäten für klinische Studien geschaffen werden, damit Menschen auch tatsächlich daran teilnehmen können. Denn oft führen diese klinischen Studien zu neuen Medikamenten, die dann dort eingesetzt werden, wo auch mehrere Studien durchgeführt wurden. Ich bin sicher, das wird sich in Zukunft entwickeln, weil Gesundheit des Planeten und die Gesundheit der Menschen die beiden wichtigsten Themen sind, die heute auf der Tagesordnung stehen. Und das sind Probleme, die auf der ganzen Welt verstreut auftauchen. Darum müssen sie auch überall auf der Welt verteilt gelöst werden. Da kann es keine zentralen Lösungen geben.

GPI: Zum Schluss: die Pandemie hat besonders afrikanische Länder getroffen. Braucht es mehr humanitäre Hilfe und Unterstützung, besonders aus der Wirtschaft und aus dem globalen Norden?

Afeyan: Es besteht kein Zweifel, dass die ganze Welt in eine humanitäre Krise geraten ist. Und je nach Wohlstand und Mitteln der Länder, in denen die Pandemie wütet, ist ihre Reaktionsfähigkeit recht unterschiedlich. Wo also Bedarf besteht, sei es bei der Bekämpfung der Infektion oder der Bewältigung der Folgen oder in anderen Zeiten auch bei Hungersnöten, Krieg und Konflikten, ist es definitiv im Interesse der gesamten Welt, die Verantwortung zu teilen. Und oft geschieht dies durch eine humanitäre Intervention. Wissen Sie, eines unserer Projekte, auf das ich sehr stolz bin, heißt Aurora Humanitarian Initiative und engagiert sich seit nun sieben Jahren in verschiedenen humanitären Hilfsprogrammen auf dem ganzen Kontinent. Aber jetzt haben sich durch Covid die Bedingungen vor Ort noch verschlimmert. Also werden wir diese Arbeit noch stärker fortsetzen. Ich bin ganz fest der Meinung, dass wir die Erholung von dieser Pandemie – und wir wissen noch nicht, wann das sein wird – gemeinsam angehen können. Und das müssen wir auch tun und in noch viel größerem Umfang.

GPI: Dr. Noubar Afeyan, Gründer und CEO von Flagship Pioneering, besser bekannt unter Moderna. Vielen Dank.

GPI: In Zeiten von Corona erinnern Experten regelmäßig daran, dass es ein universelles Menschenrecht auf adäquate gesundheitliche Vorsorge gibt. Doch in den ärmsten Ländern Afrikas ist das nicht immer gewährleistet. Der afrikanische Kontinent trägt mehr als 22 Prozent der weltweiten Krankheits Last, verfügt aber selbst nur über drei Prozent der Ärzte und des Gesundheitspersonals weltweit und über weniger als ein Prozent der weltweiten finanziellen Ressourcen. So besagen es die Zahlen der Weltgesundheitsorganisation WHO. Darüber müssen wir sprechen. Das tun wir heute mit Elhadj As Sy, Chair of the Board der Kofi Annan Foundation. As Sy, deutsche Virologen und Mediziner werden nicht müde, darauf hinzuweisen, dass die Pandemie erst dann vorüber ist, wenn alle Menschen geimpft sind – weltweit. Davon sind wir mit Blick auf Afrika ziemlich weit entfernt. Äthiopien hat eine Impfquote von 1,3 Prozent. Andere Staaten wie die Demokratische Republik Kongo verharren bei 0,1 Prozent. Es gibt weiterhin viel zu wenig Impfstoff, trotz vieler Versprechungen. Die afrikanischen Staaten stehen wieder hinten an. Was ist das? Ist das Impfstoff Egoismus? Ist das Impfstoff Apartheid, wie andere sagen? Oder hat der globale Norden an dieser Stelle nicht zu viel dazugelernt?

As Sy: Die Lage ist völlig inakzeptabel und das Verhalten völlig irrational. Alle sprechen davon, dass die Situation erst dann besser sein wird, wenn wir alle geimpft sind. Aber das sind nur sentimentale Worte. Ich denke, das ist nicht schwer zu begründen, warum es in einer Pandemie wichtig ist, dass eine Impfung der Weltbevölkerung mit einer bestimmten Rate viel angemessener ist, als an einem Ort 80 Prozent geimpft zu haben. Und das Virus wird weiter fruchtbaren Boden finden, um zu mutieren, um sich zu verändern. Und dann kommen neue Varianten. Alles, was wir vorhergesagt haben, ist doch eingetreten. Das irrationale Verhalten besteht jetzt darin, dass bestimmte Länder Impfstoffe haben, die 150 prozent der Bevölkerung abdecken könnten. Natürlich sehen wir nationalistische Verhaltensmuster. Wir nennen es Populismus oder Egozentrik. Und das in einer Zeit, in der wir auf Solidarität doch so sehr angewiesen wären. Solidarität wäre jetzt das Richtige, schon zum Selbstschutz. Diejenigen, die reich genug sind, können auf dem Markt alles bekommen. Aber man zeigt mit dem Finger auf afrikanische Staats- und Regierungschefs, die gewissermaßen ihre Prioritäten richtig setzen, ihre Gesundheitssysteme stärken wollen, in ihre Bevölkerung investieren und sich auf die Gefahren vorbereiten. Wir brauchen eine gemeinsame Plattform, auf der wir alle zusammenfinden. Aber wir haben noch einen sehr langen Weg vor uns.

GPI:  Deutschland und viele europäische Staaten diskutieren über eine Impfpflicht. Es gibt inzwischen eine dritte Impfung für alle. Vor dem Hintergrund eine Impfung Quote im Promillebereich vieler afrikanischer Staaten. Wie wirken diese europäischen Diskussionen für Sie gerade?

As Sy: Es wird die Ungleichheiten vor allem vertiefen und verschärfen. Sie sehen ja, dass wir auf dem afrikanischen Kontinent nicht einmal mit einer ersten und dann einer zweiten Dosis eine Abdeckung von zehn Prozent erreichen. Jetzt sprechen wir über einen Booster und dann einen weiteren Booster. Und nach jeder Mutation wird nach einem neuen Impfstoff oder einer weiteren Auffrischungsimpfung gefragt. Doch so ein Vorgehen wird die Lage nur verschlimmern. Wir müssen auf die Fakten zurückkommen. Wir müssten uns von der Wissenschaft leiten lassen, um auch sicherzustellen, dass Impfstoffe für alle gut und wichtig sind und demzufolge auch gemeinsam genutzt werden können. Das würde auch jene schützen, die die Impfstoffe mit anderen teilen. Wir befinden uns schließlich in einer Pandemie.

GPI:  Gesundheit ist ja eine zentrale Grundvoraussetzung für Stabilität in nahezu allen gesellschaftlichen Bereichen. Und genau das fordern ja die potenziellen Kreditgeber des globalen Nordens immer wieder von den afrikanischen Staaten ein: Stabilität. Was bedeutet dieser große Mangel an Impfstoff nun für die politische Stabilität etwa der afrikanischen Gesellschaften?

As Sy: Zunächst einmal denke ich, dass die afrikanischen Staats und Regierungschefs ihre Verantwortung sehr ernst nehmen müssen. Eine starke Führung ist ihren Bürgern gegenüber auch rechenschaftspflichtig. Sie sollte Versprechen auch einhalten, die in Afrika gegeben werden. Wir brauchen eine starke Bürgerschaft, die ihre Rechte einfordert und die auch Entscheidungsträger fordern sollte. Geschieht dies nicht, wird das Vertrauen untergraben und wir befinden uns in einer Zeit, in der das Vertrauen zwischen politischen Führern und Bürgern untergraben wird. Aber auch auf internationaler Ebene wird das Vertrauen untergraben, weil gemachte Versprechen etwa bei der Covax Initiative nicht eingehalten wurden und das von Anfang an. Wir stehen also wieder am Ende der Schlange, während andere Gesellschaften ihre Bedürfnisse befriedigen und Impfstoffe horten oder sogar Exportbeschränkungen für den eigenen Inlandsbedarf auferlegen. All das wird zu der Zerbrechlichkeit und Instabilität in afrikanischen Gesellschaften beitragen, die wir überall schon beobachten. Wir brauchen Stabilität und wissen alle, dass wir zusammenarbeiten sollten. Aber wenn eine Bedrohung auftaucht, dann fallen wir alle in unsere alten Muster zurück, denken in unseren eigenen geographischen Grenzen. Dabei wäre jetzt der richtige Moment für Offenheit. Schauen wir uns um: Wir werden alle von Instabilitäten aller Art bedroht, intern und extern. Bevölkerungsbewegungen werden infolgedessen wieder in den Vordergrund treten und dann verschärft sich die Lage. Es ist höchste Zeit, dass wir zusammenfinden, um eine globale Lösung für ein globales Problem zu finden.

GPI: Die Pharmaindustrie plant im kommenden Jahr den Bau von verschiedenen Standorten zur Produktion der Corona-Impfstoffe. Wir haben es gerade von Moderna gehört. Ziel sind hunderte Millionen Dosen, die vor Ort hergestellt werden. Reicht das oder wie lautet Ihre Forderung?

As Sy: Es ist nicht genug, aber es ist ein erster Schritt und jeder einzelne Schritt ist hier sehr willkommen. Wir sehen aktuell, dass Afrika keinen der Impfstoffe herstellt, die gebraucht würden. Das muss sich ändern, und zwar schnell. Jetzt reden wir über fehlende Kapazitäten, sprechen über die Technologien, die nicht verfügbar sind. Aber Kapazitäten können aufgebaut werden. Technologien sind übertragbar. Es gibt Bestimmungen für freiwillige Lizenzen. Anpassungen behördlicher Regierungen oder Finanzinstitute sind möglich. Pharmaunternehmen können unterstützt werden und das ist zunächst einmal willkommen. Einige Länder haben diesbezüglich bereits Maßnahmen eingeleitet. Südafrika, Marokko, Ruanda, Senegal. Wir sehen, wie sich Moderna hier in diese Richtung bewegt. Zusammen mit anderen, die alle bereits Partnerschaften versprochen haben, wie Biontech. Das sind willkommene Schritte.

GPI: Wie sieht es denn inzwischen mit der Impfbereitschaft in den afrikanischen Staaten aus? Ist das inzwischen eine große Mehrheit, die sich auch impfen lassen möchte?

As Sy: Nun, Afrikaner sollten aus dem einfachen Grund geimpft sein, weil viele der Krankheiten aus dem tropischen Klima stammen und in Afrika in diesem Ökosystem nun einmal vorkommen. Impfungen kennen wir also schon. Das Zaudern mit dem Impfen, das ist wirklich ein sehr neues Phänomen, das durch die sozialen Medien verstärkt wurde. Das kommt auch nicht von Afrikanern. Es wird von Europäern und Amerikanern angeführt, die soziale Medien nutzen. Digitale Medien werden oft verwendet, um Ideologien und Ideen zu verbreiten. Und da wird den Afrikanern schon mal das Bild vermittelt, dass sie zwar schnell als Versuchskaninchen verwendet werden, aber am Ende, wie beim Impfstoff, profitiert der Norden. Aber unser Problem hier ist aktuell der Zugang zu den Impfstoffen. Ebenfalls ein bereits bekanntes Problem. Die Schwächsten und am schwersten Betroffenen zu erreichen, wie wir es bei der Bekämpfung von Tuberkulose getan haben, oder bei den vielen anderen Krankheiten, die in Afrika immer wieder wüten: Ebolaausbrüche oder der Befall von Ungeziefer. Gleichzeitig gibt es bereits eine gewisse Erfahrung und Bereitschaft der Bevölkerung, sich daran zu beteiligen, sofern denn die Impfstoffe verfügbar sind.

GPI: Wenn wir dieser Tage über Gesundheit sprechen, dann ist das natürlich in erster Linie Covid-19. Nun hat aber Afrika doch noch andere Probleme mit Krankheiten wie Malaria, Ebola, Aids oder Tuberkulose. Und gerade viele Tuberkulose Fälle bleiben offenbar schlichtweg unbehandelt. Was sagen denn da die Zahlen? Sterben nun mehr Menschen an anderen Krankheiten, weil jetzt alle Mittel in die Bekämpfung der Pandemie gehen?

As Sy: Das ist ein doppeltes Unglück. Wir wissen ja, welche Krankheiten dort sind. Sie sind lange unbehandelt geblieben, Behandlungen sind nicht unterstützt worden und dann haben wir gleichzeitig Covid. Das hat die Lage deutlich verschlimmert. Vor allem bei immun geschwächten Personen. Hier hatte Covid leichtes Spiel. Die Infektion konnte sich schnell ausbreiten und die Menschen sind daran gestorben. Das andere Unglück ist, dass die Gesundheitssysteme hier ziemlich schwach sind. Plötzlich kam Covid obendrauf und alles war überlastet. Bis heute. Es gibt nicht genug Platz und Kapazitäten im Gesundheitssystem, um auch andere Krankheiten zu behandeln. Gewiss, das ist ein weltweites Problem und wir haben in Europa und Amerika gesehen, dass sich Behandlungen und notwendige Operationen verzögern und dass viele andere Krankheiten nicht behandelt werden können. Nur diese Situation trifft die Menschen auf dem afrikanischen Kontinent noch viel geballter. Wir müssen dabei verhindern, dass wir in einen Kreislauf aus Panik und Vernachlässigung geraten, wie wir es nennen. Wir geraten in Panik, wenn wir etwas Neues, Großes auf uns zukommen sehen. Dabei vernachlässigen wir dann, das Notwendige zu tun. Dann legt sich das wieder. Wir gehen zu dem über, was wir als business as usual bezeichnen, bis wir wieder zur Erkenntnis finden, dass das Gesundheitssystem dauerhaft gestärkt werden muss, dass die medizinische Grundversorgung gestärkt werden muss, dass Krankheiten dauerhaft angegangen werden müssen und dass wir auf große Probleme vorbereitet sein müssen. Und das sind wir nicht. Aber nur das kann der richtige Weg sein. Was wir uns für den afrikanischen Kontinent auf jeden Fall wünschen, ist nicht mehr, als den gesundheitlichen Bedürfnissen der Bevölkerung zu entsprechen und sie nicht zu vernachlässigen. Große Probleme sind heute oft globale Probleme. Viele auf der Welt sind damit beschäftigt und es gibt dann noch nationale Probleme. Aber beides muss auf starken Gesundheitssysteme aufbauen. Wir müssen gemeinsam nachhaltige Antworten auf die Probleme finden.

GPI: Es gibt interessanterweise ein Recht auf Gesundheit, und zwar in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948. Dort ist von einem Zugang zu einer adäquaten Gesundheitsversorgung die Rede. Wie können denn die Bürgerinnen und Bürger auch in den ärmeren Regionen der Welt dieses Recht für sich in Anspruch nehmen?

As Sy: Das ist genau das, was ich mit dem Begriff einer aktiven Bürgerschaft meine, die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen, damit sie ihre Versprechen einhalten, ist eine politische Frage, eine Frage der Rechte. Und dennoch sollten sich aktive Bürgerschaft und verantwortliche Führung treffen, um das erfüllen zu können. Und vor allem wenn es um die Gesundheitsfragen unserer Zeit geht, gibt es drei zentrale Säulen. Wir brauchen die Wissenschaft, die uns leitet, die für uns erforscht, was gut für uns ist. Die Entscheidungsfindung sollte auf Grundlage dieser Forschungen erfolgen und nicht auf der Grundlage anderer Überlegungen, die wir in der Praxis aber leider immer häufiger feststellen müssen. Politische Führung kann entweder ein Teil des Problems oder Teil der Lösung sein, wobei wir uns eine Führung wünschen, die zumindest das Handeln nicht behindert. Und dann brauchen wir eine aktive Bürgerschaft, die ihre Rechte auch einfordert und dann die Politiker zur Rechenschaft zieht, damit sie ihre Versprechen einhalten. Das ist diese Art Schwung, die wir beim Thema Klima sehen. Diesen Elan vieler Menschen sollten wir auch bei den Menschenrechten aufbringen. Im Gesundheitssektor, damit die Lücken und Ungleichheiten abgebaut werden und jeder Bürger, egal wo er lebt, egal wie seine sozioökonomische Situation ist, Zugang dazu findet. Sie sollten das gleiche Recht auf Gesundheit haben wie alle anderen. Und bei den politisch Verantwortlichen sollten diese Rechte und Versprechen immer wieder eingefordert werden.

GPI: Deutschland hat eine neue Bundesregierung. Wie lauten Ihre konkreten Forderungen?

As Sy: Zunächst einmal möchte ich Deutschland dafür loben, dass es in den vergangenen zwei Jahren die Gesundheit zu einem integralen Bestandteil seiner Diplomatie gemacht hat. Deutschland war in vielerlei Hinsicht immer führend in der Gesundheitsdiplomatie, investierte in multilaterale Organisationen wie kein anderes Land und hatte auch eine Art Führungsrolle in der G7 in bilateralen Programmen, wo es auch mit Ländern zusammenarbeitet, um deren Gesundheitssysteme zu unterstützen. Wir hoffen, dass die neue Regierung das fortsetzen und weiter verstärken wird, damit das nicht verloren geht. Sei es in der WHO, den Vereinten Nationen an sich oder in der G7. Und wir würden uns wirklich wünschen, dass diese Führungsrolle fortgesetzt wird und wir uns nicht von den neuen Herausforderungen entmutigen lassen, mit denen wir derzeit konfrontiert sind. Das Schlimmste, was jetzt passieren könnte, wäre, sich auf nationale Grenzen zurückzuziehen. Und egal, wie groß die Herausforderung ist, wir sollten uns an einen berühmten Satz einer berühmten Dame erinnern, die in Deutschland vermisst werden wird: „Wir schaffen das.“

GPi: Ich komme noch einmal auf den Anfang unseres Gesprächs zurück. Die Sätze wie „Corona werde man nur überwinden, wenn weltweit viel und schnell geimpft werde, auch im bevölkerungsreichen Afrika.“ Die sind uns ja bekannt. Nur wann wird es aus Ihrer Sicht soweit sein? Entscheidet sich der weltweite Ausgang der Pandemie in Afrika?

As Sy: Nein, Afrika wird aus vielen Gründen nicht über den Ausgang der Pandemie in der Welt entscheiden. Ein Grund ist, dass Afrika eine sehr junge Bevölkerung hat. Und diese Pandemie hat in den vergangenen Monaten bewiesen, dass es eine Art demographische Verschiebung gibt, die das Wüten der Epidemie in Afrika in Grenzen gehalten hat. Wäre das nicht der Fall gewesen, wäre die Situation jetzt noch viel katastrophaler. In vielen Ländern sind 70 bis 75 Prozent der Bevölkerung jünger als 35 Jahre. Zum anderen sind weite Teile der afrikanischen Bevölkerung Epidemien bereits seit langer Zeit ausgesetzt. Sie haben bereits Erfahrung damit. Das hat bisher trotz der geringen Durchimpfungsrate dazu beigetragen, dass der Kontinent nicht in die katastrophale Situation abgeglitten ist, die wir zunächst befürchtet hatten. Darauf müssen wir aufbauen. Wir müssen dafür sorgen, dass die Kombination aus Investitionen und medizinischen Vorsorgemaßnahmen, Verhandlungen über die lokale Produktion von Impfstoffen und anderen medizinischen Hilfsmitteln, all das zusammen helfen wird. Denn wahr bleibt auch: Wir haben eine niedrige Durchimpfungsrate, schwache Gesundheitssysteme und auch eine Menge immungeschwächte Menschen. Dies bietet einen fruchtbaren Boden für die Mutation des Virus und das Auftreten neuer Varianten. Und was bedeutet das Auftreten neuer Varianten? Sie können in Afrika entstehen, aber den Rest der Welt viel stärker betreffen. Keiner von uns ist sicher, bis wir alle sicher sind.

GPI: As Sy von der Kofi Annan Stiftung, Vielen Dank!

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