Podcast
Neue Kräfteverhältnisse: Was zählt in Zukunft, Annegret Kramp-Karrenbauer?
Turning South, Episode 1
Turning South: Neue Kräfteverhältnisse: Was zählt in Zukunft, Annegret Kramp-Karrenbauer?
26. August 2026
Berlin
Was macht Berlin, während sich die Welt neu ordnet? Jeder vierte Mensch wird bis 2050 auf dem afrikanischen Kontinent leben. Zwölf der zwanzig am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften liegen dort. Der Altersdurchschnitt: 19 Jahre. Eine Entwicklung mit enormem Potential.
Hat Deutschland das genug im Blick, während China strategische Geduld beweist, Russland bemüht ist, seine Präsenz auszubauen – und Länder des Globalen Südens längst die Wahl haben, mit wem sie kooperieren?
In der ersten Episode von Turning South spricht Journalistin Tina Gerhäusser mit der Vorsitzenden der Konrad-Adenauer-Stiftung und ehemaligen Bundesverteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer über Gewissheiten, die Deutschland dringend hinter sich lassen muss – und über das neue Selbstbewusstsein afrikanischer Länder in Zeiten des geopolitischen Umbruchs.
Was haben wir eigentlich anzubieten? Welche Interessen darf Deutschland offen benennen? Und was kann Deutschland von Ländern im Globalen Süden lernen?
Turning South ist der Podcast von Global Perspectives – für alle, die verstehen wollen, wohin uns die Beziehungen zu den Ländern des Globalen Südens, insbesondere Afrikas, tragen können. Und warum es genau diese Beziehungen sind, die über unsere Zukunft entscheiden.

Annegret Kramp-Karrenbauer, Bundesministerin der Verteidigung a.D. & Vorsitzende, Konrad-Adenauer-Stiftung e.V.
Wie geht es Ihnen? Mir persönlich geht es gut in diesen turbulenten Zeiten. Das ist mittlerweile so eine Formel geworden, die viele Menschen nutzen, um zu sagen, es gibt einen Unterschied zwischen dem Privatleben und dem, was öffentlich passiert. Und ich glaube, eine der Aufgaben, die wir in der Demokratie generell haben, ist, deutlich zu machen, dass die Flucht ins Privatleben kein Ausweg ist. Denn das, was öffentlich passiert, bestimmt das, was privat dann auch möglich ist. Insofern freue ich mich sehr, dass ich weiter öffentlich mitwirken kann, und freue mich eben auch über meine privaten Rückzugsstellen.
Sie kennen die Metropolen der Zukunft, Nairobi zum Beispiel. Dort haben Sie bei einem Roundtable über digitale Infrastruktur und Datensouveränität diskutiert. Was hat sich eingeprägt? Wie viele Frauen da waren. Weil es um das Thema Digitalisierung und KI ging, unglaublich viele Frauen, die in Führungspositionen waren oder eigene Unternehmen geleitet haben. Und die kamen in der Mehrheit von der afrikanischen Seite, nicht aus Deutschland und nicht aus Europa. Da ist mir nochmal sehr bewusst geworden, wie verfestigt unsere Vorstellungen sind über die Frage, wie weit entwickelt wir in Deutschland und in Europa sind und wie rückständig man möglicherweise in Nairobi ist.
Und dann kommen Sie zurück, das Internet geht nicht, die Bürokratie erdrückt einen von oben, unten, hinten und vorne. Ertappen Sie sich dann dabei zu sagen, es darf doch nicht wahr sein, wie wir hier feststecken? Ich ertappe mich dann dabei, selbstkritisch das eigene Bild zu hinterfragen, das wir von uns haben, und das Bild, das wir von anderen haben. Dass gerade jetzt die Reise von Papst Leo auf diesem Kontinent geht, weil sicherlich nicht nur er, sondern viele sagen, da liegt die Zukunft auch der katholischen Kirche, macht das ganz deutlich.
Wir sehen auf der einen Seite Situationen in diesen Ländern, wo es wirklich existenzielle Mängel gibt, wo es am Notwendigsten fehlt. Und auf der anderen Seite erleben wir, dass Dinge, von denen wir sagen, das gehört zu einer Zivilisation dazu, also zum Beispiel funktionierendes Internet oder gute digitale Versorgung, dort viel besser gewährleistet und selbstverständlicher sind als bei uns. Diese Widersprüche bringen mich jetzt nicht dazu zu sagen, ich will aus Europa oder aus Deutschland weg. Aber sie bringen mich dazu, nochmal zu überlegen, ob das Selbstbildnis und das Bild der anderen, das ich lange Zeit im Kopf hatte, eigentlich das Richtige ist und was man tun kann und tun muss, um die Perspektive wieder geradezurücken.
Wann haben Sie zum ersten Mal richtig verstanden, wie wichtig die Beziehungen zum afrikanischen Kontinent sind? Das war wirklich die Kommissionsarbeit, die ich mit Global Perspectives aufgenommen habe. Ich hatte vorher auch schon als Verteidigungsministerin in der Sahelzone bei Einsatzreisen mit den Verantwortlichen vor Ort zu tun, aber das sind nur sehr punktuelle und sehr spezielle Anlässe gewesen. Als ich den Vorsitz der Kommission übernommen habe und wir in der Arbeitsweise gesagt haben, wir wollen vor allen Dingen sehr viel Input von Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartnern aus den afrikanischen Ländern, und das in Eins-zu-eins-Interviews und Digitalschalten gemacht haben, da war das für mich ein wirkliches Eintauchen in eine andere Welt. Eine ganz steile Lernkurve.
Was mich am meisten überrascht hat, war, mit welcher Dynamik ich konfrontiert werde. Wirklich unglaublich beeindruckende, tolle Menschen, Männer und Frauen, die wahnsinnig gut gebildet sind, viele Sprachen sprechen, sehr selbstbewusst sind und jedem Klischee widersprechen, das wir von Menschen aus afrikanischen Ländern haben. Die Bilder bei uns sind ja vor allen Dingen geprägt durch Migrationsbewegungen oder durch Berichte über die Notsituation, die es gibt, die aber nur einen Teil der afrikanischen Realität abbilden und nicht das Gesamte. Das hat mich wirklich fasziniert, und ich glaube, ich habe selten bei einer politischen Arbeit so viel gelernt wie in diesem Jahr für Global Perspectives.
Sind Sie jetzt jemand, der im politischen Berlin auf Fehlwahrnehmungen, Stereotype und Klischees hinweist und auch mal sagt, nein, das kannst du so nicht stehen lassen? Ja, das ist einer der Effekte, die dieses Projekt hatte. Einer der überraschendsten Momente für mich war, als wir über eine Frage diskutiert haben, die hier sehr umstritten ist, vor allen Dingen in der entsprechenden Community. Wie ist das zwischen Werten und Interessen? Darf man eine Entwicklungszusammenarbeit betreiben, die auch eigenen Interessen entspricht?
Bei einem meiner ersten Interviews sagte mir das Gegenüber von der afrikanischen Seite: „Wissen Sie, es ist vollkommen in Ordnung, dass Deutschland Interessen hat. Wir wollen, dass Deutschland uns genau sagt, was diese Interessen sind, weil das für uns auch ein Stück Augenhöhe ist. So gehen Sie mit jedem anderen Partner dieser Welt um, nur bei uns legen Sie immer etwas anderes darüber, moralische Gründe oder sonst irgendetwas.“
Das hat mich damals sehr geprägt, und es entlastet natürlich auch eine politische Diskussion hier vor Ort, wenn man sagt, passt auf, die Länder, mit denen wir zusammenarbeiten, erwarten geradezu, dass wir unsere eigenen Interessen definieren, so wie wir auf Augenhöhe ihre Interessen wahrnehmen und im Sinne von guter Politik einen Ausgleich suchen, der beiden Interessen bestmöglich gerecht wird. Das ist auch eine Verantwortung, die, glaube ich, alle Kommissionsmitglieder empfinden. Es geht nicht nur darum, einen Bericht geschrieben und abgegeben zu haben, sondern weiter dafür zu sorgen, dass sich das, was darin steht, in konkrete Politik umsetzt.
Ich hatte das Bild eines geopolitischen Frühjahrsputzes vor Augen, der mal fällig wäre. Wo würden Sie den Staub wegwischen, und welche liebgewonnenen Illusionen gleich mit? Der erste Befund ist, um bei dem Bild zu bleiben, das Staubtuch überhaupt in die Hand zu nehmen. Sich klarzumachen, dass neben den bisher gepflegten Partnerschaften und Freundschaften auch die bisher gepflegte Sicht steht, dass die bestimmenden Zentren dieser Welt neben Amerika Europa sind. Dass sich das mit dem Aufstieg Chinas verändert hat und mit diesen geopolitischen Verschiebungen.
Deshalb ist es jetzt ganz wichtig für Europa insgesamt, und es gilt insbesondere auch für Deutschland, in dieser Welt zu schauen, wo unser Netzwerk an Freunden ist, an Mitstreitern, an Ländern, die vielleicht nicht immer unsere Werte teilen, aber durchaus gleichgelagerte Interessen haben. Das ist eine Grauzone und politisch nicht einfach zu bestehen. Aber diesen Blick zu weiten und ihn zur Grundlage von Prioritäten zu machen, auch in der nationalen Politik, in dem Prozess sind wir gerade. Wie gesagt, da ist viel Liebgewonnenes dabei, und das kriegt man nicht mit einem Frühjahrsputz einfach mal so weggewischt.

Ein paar Fakten dazu. Zwölf der 20 am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften liegen auf dem afrikanischen Kontinent, bis zum Ende des Jahrhunderts werden dort 13 der 20 größten Megacities liegen, und mit der African Continental Free Trade Area soll der größte Freihandelsraum der Welt entstehen. Auf der anderen Seite die deutsche Wirtschaft unter Druck, schwächelndes Wachstum, sinkende Wettbewerbsfähigkeit, fehlende Fachkräfte. Wer im Bundestag weiß das eigentlich? Ich würde jetzt kein Quiz veranstalten wollen, um zu sehen, wie es ausgeht. Aber es ist ein Bewusstsein, das wächst. Es ist noch nicht das prägende Bewusstsein, auch in der Tagespolitik.
Es ist ja immer ein Dilemma in der Politik, weil man von so vielen tagesaktuellen Dingen erschlagen wird, die geregelt werden müssen, dass man darüber oft die längerfristigen Perspektiven vergisst. Das ist im Übrigen einer der großen strategischen Vorteile von China, weil es nicht an die demokratischen Rhythmen gebunden ist und eine ganz andere strategische Geduld hat als eine sehr ergebnisorientierte offene Gesellschaft.
Wir sehen das gerade in der Diskussion um Energiepolitik, die tagespolitisch sehr geprägt ist durch die Frage, wie hoch der Benzinpreis ist. Dahinter steht aber die Frage der Abhängigkeiten, die durch den Iran-Krieg jetzt erst so richtig bewusst werden. Wenn man sich anschaut, dass wir über grünen Wasserstoff als etwas ganz Wichtiges für unsere Industrie reden, dass die Chemie über grüne Chemie schon lange nachdenkt und überlegt, wo man das gestalten kann, und den Blick dann nicht nur nach China wendet, sondern nach Indien, zu Ländern auf dem afrikanischen Kontinent, aber auch nach Lateinamerika, dann sieht man, dass aktuelle Anlässe im Moment Gelegenheiten sind, um den Blick zu weiten.
Da ist es wichtig, immer und immer wieder diese Perspektive in die Politik einzubringen, das ist ja eine der Aufgaben von Global Perspectives, weil das eine Sichtweise ist, die noch so wenig eingeübt ist. Bei uns weniger als in anderen europäischen Ländern. Deswegen liegt da eine große Chance. Aber wenn Sie mich fragen: Wir haben damit angefangen, und wir sind noch bei weitem nicht da, wo wir eigentlich hinmüssten.
Sie sagen üben. Nennen Sie drei Gewissheiten, von denen sich Deutschland hier und jetzt verabschieden sollte. Wir brauchen die Welt nicht. Wir sind selbstverständlich so erfolgreich, wie wir es immer waren. Unser System ist unkaputtbar.
Und eine Gewissheit, von der Sie sich persönlich verabschieden möchten? Ich bin zu alt, um etwas Neues zu lernen.
Die muss auch weg. Man ist nicht zu alt, man kann immer neu anfangen. Und trotzdem die Frage, hindert konservativ sein einen nicht manchmal daran, die Fenster wirklich aufzumachen? Konservativ im guten Sinne heißt für mich nicht, jeder neuen Entwicklung, jedem neuen Trend und jeder neuen Mode sofort und bedingungslos hinterherzulaufen. Sondern mit einer gewissen Grundskepsis die Dinge zu betrachten und zu sagen, wenn sie besser sind, dann ja. Aber wenn sie nicht besser sind als das, was wir bisher haben, warum das dann ändern?
Konservativ bedeutet für mich auch immer zu fragen, um was es eigentlich im Kern geht. Diesen Kern muss ich erhalten. Und das kann bedeuten, dass ich die Form ändern muss. Was zum Beispiel in Familie innen drin steckt, ist diese Liebe füreinander und diese Bereitschaft, sich füreinander einzusetzen und füreinander da zu sein. Das ist der Kern, und den muss man bewahren. Aber dieser Kern wird im Jahr 2026 ganz anders gelebt, als er im Jahr 1950 gelebt wurde. Und wenn ich von Menschen verlange, ihn so zu leben, wie es in den 50er Jahren der Fall war, dann gefährde ich am Ende diesen Kern.
Sie sind in einer Großfamilie aufgewachsen, zu der auch die Generation darüber gehörte. Macht einen das kooperativer? Naja, meine älteren Geschwister würden sagen, wir waren die verwöhnten Kleinen, und insofern mussten wir nicht kooperativ sein, weil uns alles in den Schoß gefallen ist, was sie erarbeiten und erkämpfen mussten. Aber in so einer Großfamilie groß zu werden bedeutet auf der einen Seite zu lernen, sich durchzusetzen, und auf der anderen Seite, in einer Gruppe miteinander leben zu können. Das ist ein Geben und Nehmen. Man ist nicht immer im Mittelpunkt, man kann nicht immer das machen, was man selbst möchte, sondern muss auch mal sagen, okay, damit das in der Gruppe durchgesetzt wird, nehme ich mich zurück.
Und das lernt man im Übrigen nicht nur in der Familie. Ich kann für mich persönlich sagen, das habe ich vor allen Dingen auch in vielen Ehrenämtern gelernt, vor allen Dingen im Sport. Da bekommt man auch außerhalb der Familie sehr, sehr vieles mit, was einem fürs Leben weiterhilft.
Sport, Austausch, Üben. Trainieren Sie strategische Fähigkeiten, Schach am Handy? Ehrlich gesagt nicht. Ich musste als Kind Skat spielen lernen und Schach, weil das zwei Leidenschaften meines Vaters waren. Ich war bei beiden kein großer Meister, weil ich oft so auf die Situation fokussiert war, dass ich den übernächsten Zug noch nicht gesehen habe. Kann man aber lernen, habe ich mittlerweile gesehen.
Aber in anderen Zusammenhängen, insbesondere in diesen politischen Zusammenhängen, die mich schon sehr früh sehr interessiert haben, bin ich jemand, der nicht resigniert, sobald er an eine Hürde kommt nach dem Motto, da geht es jetzt nicht weiter oder da kann ich mich nicht durchsetzen. Sondern der sich einen Umwegmodus überlegt. Okay, wenn es so nicht geht, wie könnte ich es dann machen? Da Strategien zu entwickeln, finde ich total faszinierend. Wenn Sie wollen, eine andere Form von Schach. Politik-Schach vielleicht.
Nicht nur Deutschland muss die Fenster aufmachen. Viele afrikanische Staaten orientieren sich ebenfalls um, vor allem weg von jahrzehntelangen Ritualen der Entwicklungszusammenarbeit. Wir haben dazu Lerato Mataboge gefragt, Kommissarin der Afrikanischen Union für Infrastruktur und Energie, gebürtige Südafrikanerin.
Voice Message von Lerato Mataboge: „Ich glaube, dass die aktuelle geopolitische Lage und der Rückgang finanzieller Unterstützung externer Partner für den afrikanischen Kontinent uns dazu zwingen, strategische Wege zur Eigenständigkeit zu finden und dabei Partnerschaften zu pflegen, die auf dem Grundsatz der Autonomie beruhen.“

Das drückt in anderen Worten aus, was ich bei unseren Interviews oft erlebt habe, weil es ein sehr großes Selbstbewusstsein gibt. Viele der Gesprächspartner haben gesagt, wir wissen, dass wir der Kontinent der Zukunft sind. Wir wissen, was wir für das Wachstum der Welt beitragen können. Wir wissen, welche unsere Interessen sind, und wir wissen, wo die Probleme stecken, etwa in der Zusammenarbeit mit China oder in der Zusammenarbeit mit der Türkei. Aber ehrlich gesagt, wir können auch nicht ewig warten, bis europäische Länder oder bis Deutschland in die Puschen kommen und ihr Interesse uns widmen.
Also ein sehr deutlich gestiegenes Selbstbewusstsein und die klare Erkenntnis, dass viele dieser Länder sich in Zukunft ihre Partner aussuchen können und nicht mehr warten müssen, dass irgendjemand sich wohltätig diesem Land widmet. Das ist eine totale Veränderung der Situation, wenn Sie so wollen, auch von Kräfteverhältnissen. Ich glaube, viele gerade der Jugendführungskräfte auf der afrikanischen Seite haben das sehr gut adaptiert, und wir sind noch in dem Anpassungsprozess, das zu lernen.
Die afrikanischen Staaten haben die demografische Power, sie haben die kritischen Rohstoffe, sie haben die Wahl. Sind wir da überhaupt noch attraktiv, was haben wir zu bieten? Wir sind nach wie vor sehr gefragt und sehr attraktiv, weil wir immer noch eine der größten Volkswirtschaften der Welt sind und weil gerade Deutschland in der Vergangenheit und bis zum heutigen Tage in vielen Bereichen als fairer Partner erlebt wird. Das ist vielleicht etwas, was uns abhebt, etwa von Zusammenarbeiten mit China oder mit anderen Ländern. Und ich glaube, es kann auch ein Markenzeichen für Deutschland werden, zu sagen, es muss immer auch einen entsprechenden Mehrwert für das Land und für die Menschen in diesem Land geben. Nur dann macht diese Zusammenarbeit Sinn und ist auf Dauer tragbar.
Vom früheren senegalesischen Wirtschaftsminister Amadou Hott haben wir mitbekommen, dass bei uns drei Jahre ins Land gehen, bis Zuschüsse, Kredite und Subventionen durch sind. Er wünscht sich sechs Monate, lieber zwei. Ist dann egal, wie lange man auf die Zusammenarbeit warten muss? Das ist ein berechtigter Punkt, der im Übrigen nicht nur in der internationalen Zusammenarbeit gilt, sondern auch im Nationalen. Wir erleben im Moment ein unglaublich beschleunigtes Veränderungstempo, allein getrieben schon durch die Technologie. Und Deutschland steht sich mit seiner Haltung, alles möglichst gut, einzelfallgerecht und absichernd regeln zu müssen, im Tempo selbst im Weg. Das sind Erfahrungen auch aus der Vergangenheit, die nicht nur positiv waren.
Aber was ist unser Kerninteresse in der Beziehung zu afrikanischen Staaten, die auch eine Beziehung wollen? Wenn wir sagen, das System internationaler Zusammenarbeit, so wie es nach dem Zweiten Weltkrieg aufgebaut worden ist, Partnerschaften mit like-minded Staaten, internationale Organisationen, die Dinge auch regeln: Wenn wir davon als Deutschland so stark profitiert haben wie kaum jemand anderes, dann liegt es in unserem ureigenen Interesse, solche Systeme aufrechtzuerhalten. Dazu brauchen wir entsprechende Partnerinnen und Partner, ein Netzwerk an Staaten, die das ähnlich sehen.
Und das sind eben nicht mehr nur die klassischen Staaten, über die wir bisher geredet haben, also die Vereinigten Staaten oder Kanada oder Australien und Neuseeland. Sondern wir müssen schauen, wo in Südamerika, aber insbesondere auf dem afrikanischen Kontinent diese anderen Partner liegen, mit wem wir zusammenarbeiten und mit wem wir auch Reformen vorantreiben können. Das liegt am Ende in unserem ureigensten politischen Interesse, jenseits von konkreten Fragen zu Rohstoffen oder zu anderen Dingen.
Lerato Mataboge hat auch klare Vorstellungen von einer gleichberechtigten Partnerschaft der Zukunft.
Voice Message von Lerato Mataboge: „Wir erkennen an, dass die Europäische Union in einigen strategisch wichtigen Kooperationsbereichen wirklich eine bedeutende Rolle gespielt hat, aber was wir für die Zukunft der Beziehung anstreben, ist Folgendes. Wie können wir die Geberabhängigkeit in dieser Beziehung reduzieren? Wir brauchen eine Partnerschaft, die für beide Seiten aus einer Position der Stärke heraus entsteht. Und dafür verfolgen wir eine mittel- bis langfristige Perspektive.“

Das ist vollkommen richtig, und das ist im Grunde genommen auch eine historische Lektion. Denn wenn man sich heute Europa anschaut, ist die Position, die Europa noch stark macht, vor allen Dingen die einer gemeinsamen Marktmacht mit 500 Millionen Menschen. Jedes europäische Land allein würde in diesem internationalen Wettbewerb kaum reüssieren, aber gemeinsam geht das. Das ist, glaube ich, ein Prozess, der sich im Moment auch immer stärker auf dem afrikanischen Kontinent abspielt.
Das sind natürlich auch eigene Hausaufgaben, die die afrikanischen Länder selbst leisten müssen. Aber auch wir haben ein maximales Interesse daran, stabile Akteure und stabile Organisationen auf der anderen Seite als Partnerinnen und Partner zu sehen. Ein afrikanischer Kontinent mit all den Zukunftsperspektiven, der politisch stabiler, aktiver und handlungsfähiger ist, als er das zurzeit noch ist, liegt im Interesse der gesamten Weltentwicklung und auch im Interesse Europas und Deutschlands.
Die ugandische Journalistin und Aktivistin Rosebell Kagumire sorgt sich im Zuge dieser geopolitischen Entwicklung um zunehmende Angriffe auf Frauenrechte, um einen antifeministischen Backlash. Sie beschreibt das nicht als Anklage, sondern als Chance, sich zu verbünden.
Voice Message von Rosebell Kagumire: „Wer noch immer sagt, das betrifft mich nicht, versteht das internationale System nicht oder die Strukturen, die unsere Kämpfe miteinander verbinden. Wir müssen ständig fragen, wie hängt das mit mir zusammen und auf welche Weise kann ich mich einbringen, auch von meinem eigenen Standort aus. Es gibt keine rein internationale Idee. Wir alle sind Teil von Systemen, die entweder diskriminieren, ausgrenzen oder begünstigen und Vorteile verschaffen.“

Sind das Menschen, mit denen wir kooperieren können, weil es vielleicht auch ähnliche Werte sind? Ja, absolut, weil sie natürlich dafür stehen, dass es Menschenrechte und Werte gibt, die universell sind. Das ist ja eine alte Diskussion, gerade beim Thema Frauenrechte. Ist Frauenrecht ein universelles Menschenrecht, oder ist Frauenrecht etwas, was aus sogenannten religiösen oder kulturellen Gründen eingeschränkt werden kann? Das ist eine der großen Auseinandersetzungen. Und wenn ich junge Afrikanerinnen habe, die genau dieses Universelle an Menschenrechten verteidigen wie zum Beispiel altgestandene Feministinnen in Europa oder in Deutschland, dann ist das in der Tat eine neue Kombination, die sich gegenseitig stützen und helfen kann.
Hand aufs Herz, kommt Deutschland auf diesem Weg an afrikanische Partner heran, während Russland und Golfstaaten Waffen liefern und China Straßen baut? Ich glaube, wir dürfen unsere Werte und Prinzipien auf keinen Fall aufgeben nach dem Motto, sie sind im Moment eher hinderlich fürs Geschäft, dann legen wir die mal zur Seite. Aber wir müssen natürlich auch einen sehr pragmatischen Blick darauf haben, weil es am Ende auch nicht nützt, wenn wir mit unseren Prinzipien in Schönheit sterben und alle die, die keine haben oder die diese Prinzipien nicht teilen, dann überall den Einfluss in der Hand haben.
Ich mache das mal mit einem ganz konkreten Beispiel. Wir hatten militärische Ausbildungsmissionen in der Sahelzone, wo wir hinter den Mauern der Kasernen die Leute ausgebildet, aber nicht mit Waffen versehen haben. Und wenn die Ausbildungen vorbei waren, sind die gleichen dann vor die Mauern der Kasernen gegangen, wo die russischen Waffenhändler schon gewartet haben. Am Ende waren die Freundschaften eher begründet auf die Frage, wer liefert mir die Waffen, als wer bildet mich aus. Das war für mich eine sehr prägende, ganz konkrete Erfahrung.
Deswegen muss man sagen, Außenpolitik und internationale Zusammenarbeit sind immer auch eine Grauzone, da gibt es nicht nur schwarz oder weiß. Das wird in der Öffentlichkeit oft anders diskutiert, aber das ist eine der Realitäten, an denen man sich orientieren muss. Und trotzdem bedeutet es auf der anderen Seite, dass wir weiter die Verpflichtung haben, für die Werte und die Prinzipien, die wir ja nicht nur als westliche Erfindung sehen, sondern von denen wir sagen, das hat etwas mit universellen Menschenrechten zu tun, immer wieder zu werben und immer wieder auszubilden.
Kurze Runde. Was bringt uns weiter? Es bringt uns weiter der Mut zu sagen, so wie es jetzt ist, kann es nicht bleiben, und wir müssen einen anderen Blick einnehmen und andere, neue und ungewohnte Wege gehen.
Wie bekommen wir dafür den Kopf frei? Wir bekommen den Kopf frei, indem wir deutlich machen, dass es neben der aktuellen Tagespolitik und den Schlagzeilen, die uns alle umtreiben, auch längerfristige Themen gibt. Und indem wir Räume und Gremien schaffen, in denen über diese langfristigen Themenstellungen gesprochen wird und Lösungen entwickelt werden.
Und was finden Sie auf einer Bauchebene inspirierend? Mich hat emotional unglaublich der schier grenzenlose Optimismus und diese Lebensfreude sehr vieler Gesprächspartner aus den unterschiedlichsten afrikanischen Ländern gepackt. In zum Teil unglaublich schwierigen Situationen trotzdem immer ein Lachen im Gesicht zu haben, immer zu sagen, da gibt es einen Weg und wir finden was und das geht voran. Und wenn ich dann oft vergleiche, wie wir, eigentlich ausgestattet mit allem, was man sich materiell wünschen kann, wie deprimiert und grau, wenn man die Farbe wählen will, wie wir uns da durch den Alltag schleppen, dann würde ich mir etwas von diesem ansteckenden Optimismus und dieser Fröhlichkeit und diesen Farben auch bei uns wünschen.
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